Die nicht hinterfragten Prämissen von Satsang und Advaita
Thomas Wachter 2011
Einleitung
Im Folgenden geht es darum, die grundlegenden Prämissen von Satsang und Advaita zu beleuchten. Meiner Meinung nach ist diese Betrachtung überfällig, weil im Satsang sehr tiefe Erfahrungen möglich sind, die die Persönlichkeit gravierend verändern und fast nicht mehr rückgängig zu machen sind. Daher finde ich es sehr bedenklich, dass die Satsang-Bewegung im Westen in den letzten Jahren einen großen Einfluss gewonnen hat und dass dies nicht kritisch begleitet wird. Während um die Jahrtausendwende ungefähr zehn Webseiten auf entsprechende Lehrer verwiesen haben, existieren heute mehr als hundert Seiten.
Das Sanskritwort „Satsanga“ kann mit „Zusammensein in Wahrheit“ übersetzt werden und steht für ein formelles Treffen mit einem erwachten Meister. In den Treffen, die als Satsang, Meeting oder auch Darshan bezeichnet werden, geht es darum, die letztendliche Ebene der Wirklichkeit, den Urgrund des Seins zu erkennen. Hierfür wird auch der Begriff A-dvaita verwendet, was als Nicht-Zweiheit übersetzt werden kann. Dementsprechend heißt die Satsang zugrunde liegende Philosophie Advaita Vedanta. Diese Lehre bzw. dieses Paradigma geht auf die mystische Linie des Hinduismus zurück und weist mit Gaudapada und Shankara wichtige Gründer auf.1 Als Urheber der modernen Satsang-Bewegung kann Ramana Maraharshi (1879-1950) bezeichnet werden; auf ihn berufen sich heute viele Lehrer.2 Satsang ist somit das Dharma bzw. die Praxis von Advaita Vedanta.
Das Advaita-Paradigma baut also auf bestimmten Prämissen und Vorstellungen über die Wirklichkeit auf, geht aber gleichzeitig davon aus, dass dies nicht der Fall wäre. Dies wird damit begründet, dass es darum gehe, alle Konzepte und Prämissen hinter sich zu lassen, um Erleuchtung zu finden oder um den natürlichen Seinszustand zu verkörpern. Da sich die Wahrheit jenseits der Konzepte des Verstandes offenbaren würde, könne es sich bei Advaita Vedanta auch nicht um ein Paradigma handeln, sondern um eine Manifestation der Wahrheit selbst. Dieser Widerspruch, dass ein Paradigma von sich behauptet eben kein Paradigma zu sein, fiel mir viele Jahre lang nicht auf.
Um die Prämissen von Advaita Vedanta beleuchten zu können, ist es notwendig, sich die Bestandteile eines Paradigmas anzusehen. In seinem einflussreichen Werk „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ wies Thomas Kuhn erstmals darauf hin, dass jede wissenschaftliche Disziplin ein Paradigma beinhaltet, das sich aus vier Bestandteilen zusammensetzt und von den Fachleuten einer Disziplin gemeinsam getragen wird.3 Die „symbolischen Verallgemeinerungen“ sind die Formeln, die problemlos von allen Gruppenmitgliedern gebraucht werden, z.B. I=U/R. Weiterhin existieren metaphysische Teile, die nicht hinterfragt werden und als Vertrauen auf bestimmte Modelle bezeichnet werden können. Ein Beispiel ist die Aussage „Alle wahrnehmbaren Phänomene gehen auf Atome zurück“. Das dritte Element eines disziplinären Systems sind die Werte einer Gemeinschaft wie „Quantitative Voraussagen sind qualitativen vorzuziehen“. Das letzte Element wird im Sinne einer experimentellen Anleitung als „Musterbeispiel“ bezeichnet. Aufgrund dieser neuen Blickrichtung wurde der Begriff des Paradigmas bald in viele Disziplinen übertragen, allerdings häufig auch so gedeutet, dass Wissenschaft auf beliebig austauschbaren Wertesystemen aufbauen würde. Trotz dieser Missverständnisse – Ken Wilber spricht von dem „wohl einflussreichsten missverstandenen Buch“ des letzten Jahrhunderts4 – bleibt als zentraler Beitrag Kuhns festzuhalten, dass jede Fachdisziplin auf einer Reihe von Prämissen aufbaut, die unbewusst wirken und in der Regel nicht hinterfragt werden. Dies gilt nicht nur für die Natur- und Geisteswissenschaften, sondern auch für Weltanschauungen und Religionen.5
Die Grundelemente des Advaita-Paradigmas
Wie können nun die metaphysischen Teile bzw. die nicht hinterfragten Prämissen von Advaita Vedanta und Satsang identifiziert werden? Als Einstieg bietet sich die Vorstellung von Erleuchtung an, wie sie sich aus Satsang-Veranstaltungen und der Literatur erschließt.6
Grundsätzlich geht es für den Sucher darum zu erkennen, dass er sich bereits in dem grundlegenden natürlichen Zustand befindet, in dem weder Verbesserungen noch Verschlechterungen eine Rolle spielen. Die Erkenntnis dieses Sachverhalts, die spontan bzw. aus Gnade eintritt, gilt als das Ende der Suche. Hierfür ist es zwar nicht nötig, aber hilfreich, die Gegenwart eines erwachten Lehrers aufzusuchen. Im Satsang liegt dann ein Mittel zur Erkenntnis darin, in Stille zu verweilen und nicht mehr an Gedanken und Gefühlen anzuhaften. Auch der Dialog mit dem Lehrer dient der Einsicht, dass der Verstand das zentrale Hindernis darstellt, um die Wirklichkeit zu erkennen. In seiner andauernden rastlosen Aktivität erschafft er eine künstliche, gedankliche Welt, die den Blick auf das Dahinterliegende verschleiert, auf das Nonduale, auf den Urgrund des Seins. Insbesondere konstruiert der Verstand eine persönliche Geschichte, mit der man sich identifiziert und die einem das Gefühl eines Individuums gibt. Wenn der Verstand im Satsang immer langsamer wird und plötzlich zum Stillstand kommt, zeigt sich, dass die mentale Aktivität sowohl die Welt als auch das eigene Ego geschaffen hat. Es wird offensichtlich, dass es niemals ein Selbst gegeben hat, das sich entscheiden und zielgerichtet handeln kann. Demnach gibt es nur die Quelle, die auch als Urgrund, als Bewusstsein oder als Brahman bezeichnet wird. Diese Einsicht beendet Leiden und führt zu Frieden und Gleichmut.
Im Hinblick auf diese Auffassung von Erleuchtung können folgende Sätze des Advaita-Paradigmas angeführt werden:
- Die grundlegende Wirklichkeit ist der Urgrund des Seins, Brahman oder das Nonduale.
- Es gibt kein höchstes Wesen (Gott) und daher auch keine Schöpfung.
- Der Verstand ist das zentrale Hindernis, um die Wahrheit zu erkennen und der Grund für Täuschung und Leiden.
- Dadurch, dass der Verstand an Gedanken und Gefühlen anhaftet, konstruiert er eine Geschichte, mit der Du dich als Ego identifizierst und die Dir das Gefühl eines Individuums gibt.
- Die Einsicht, dass das Ego vom Verstand geschaffen wurde, zeigt, dass es Dich als individuelles Selbst mit einem freien Willen nicht gibt und niemals gegeben hat. Was Du subjektiv als dein Ich empfindest, ist ein unpersönlicher Ausdruck des Nondualen.
- Des Weiteren erkennst Du, dass alles schon immer vollkommen war, sich schon immer in seinem natürlichen Zustand befunden hat und jederzeit befindet.
- Alle Probleme und Konflikte in der Welt beruhen nur darauf, dass der Verstand sie erschafft. Ohne eine gedankliche Bewertung wären sie einfach nur, was sie sind – ohne Mangel oder Falschheit. Alle Werte sind nur Projektionen des Verstandes.
- Emotionen sind wie Gedanken eine Untereinheit des Verstandes. Daher ist die Heilung verletzter Emotionen für die höchste Erkenntnis nicht notwendig.
- Die traditionelle Erleuchtung stellt den höchsten Erkenntniszustand des Menschen dar.
- Alles ist ein großes kosmisches Schauspiel, ein großer Witz, über den man lacht, sobald man ihn durchschaut hat.
- Advaita ist keine Lehre und kann nicht hinterfragt werden, da jede Lehre nur eine Projektion des Verstandes darstellt. Advaita ist der Ausdruck der Wahrheit.
Diese Zusammenstellung lässt sich sicherlich um den einen oder anderen Satz ergänzen und in einzelnen Aspekten diskutieren. In jedem Fall kommt zum Ausdruck, dass es sich bei Advaita Vedanta um ein Paradigma handelt, das auf bestimmten Annahmen gründet und deswegen nicht die absolute Wahrheit darstellt.
Wieso sich Advaita Vedanta nicht als Paradigma versteht
Bevor man einzelne Prämissen diskutiert, muss man sich damit auseinandersetzen, dass in der Advaita-Tradition gerade die Diskussion seiner Annahmen als unsinnig oder fruchtlos angesehen wird. Dies liegt daran, dass der Verstand mit seiner Aktivität als Ursache aller Probleme gilt (Satz 3), als das grundlegende Hindernis zur Erkenntnis. Daher wird die Diskussion über einen richtigen oder falschen Weg als Zeitverschwendung und das Nachdenken über Advaita als kontraproduktiv angesehen. Das philosophische Selbstverständnis von Advaita besteht folglich darin, dass es selbst gar keine Philosophie oder Lehre sei, sondern lediglich eine mentale Krücke, die sich durch Erkenntnis der Sinnlosigkeit jeder Theorie selbst überflüssig mache und aufhebe. Ramana Maharshi verglich Konzepte mit vergänglichen Werkzeugen: Man verwende einen Dorn, um einen anderen Dorn im Fuß zu entfernen.7 Und Poonja äußerte sich so, dass die wahre Lehre keine Spur in der Erinnerung hinterlasse und dass es sie daher auch nicht gebe.8
Es wird auch deswegen nicht über Advaita diskutiert, weil es in diesem Paradigma kein persönliches Selbst oder Ego gibt. Dieses wird als Ergebnis der gedanklichen Aktivität angesehen (Satz 5) und soll in Wirklichkeit eine unpersönliche Manifestation der Quelle bzw. des Nondualen darstellen. Ob Erkenntnis und Verwirklichung eintritt, hängt einzig von der Gnade ab. Da das Individuum im Sinne von Advaita also keinen freien Willen und keine Handlungsmöglichkeit aufweist, macht es auch keinen Sinn, sich über richtige oder falsche Wege oder über die Annahmen von Advaita zu unterhalten. Da alles von selbst geschehen soll, entfällt die Notwendigkeit, sich mit den Motiven für sein Handeln auseinandersetzen.
Es gibt noch weitere Gründe, wieso die Prämissen von Advaita und Satsang nicht diskutiert werden. Eine kritische Auseinandersetzung wird auch oft durch eine zu große Autoritätsgläubigkeit verhindert. Auf Seiten der Anhänger herrscht häufig ein Personenkult, bei dem die Autorität des Lehrers die kritische Auseinandersetzung ersetzt. Keine Fragen zu stellen, gilt vielen Suchern als Zeichen von innerem Fortschritt, weil man erkannt habe, dass die Befreiung jenseits des Verstandes liege. Ihnen reicht es aus, die Energie des Lehrers zu spüren und irgendwie auf Einsicht oder Erleuchtung zu hoffen. Das kann dazu führen, dass einige Anhänger jahrelang bei bestimmten Lehrern bleiben, ohne eine klare Vorstellung über den Weg und das Ziel. Damit gleichen sie Urlaubern, die mit Koffern am Flughafen erscheinen und sich vom Personal in ein beliebiges Flugzeug setzen lassen, ohne zu wissen, wohin die Reise geht.
Selbst wenn sich ein Lehrer autoritär oder egozentrisch verhält, wird dies von den Anhängern fast nie als persönlichen Ausdruck in Erwägung gezogen, sondern als unbedeutende Handlung angesehen. Und falls sich doch jemand kritisch äußert, dann wird die Frage vom Lehrer als substanzlos angesehen, mit einer neuen Frage zurückgespiegelt – „Wer fragt das?“ – oder als Ausdruck des kontrollierenden Verstandes beschämt. Da aus der Perspektive des Lehrers keine Individualität existiert, kann er oder sie jedem Antrieb im Inneren unmittelbar folgen; eine kritische Auseinandersetzung mit den Motiven und Folgen einer Handlung erübrigt sich. Damit entzieht sich das Advaita-Paradigma anscheinend jeder Untersuchung und blendet seine eigenen Widersprüche aus.
Wer also den Verstand als zentralen Täuschungsmechanismus und das Selbst für nicht real hält, entzieht sich jeder Möglichkeit, sich mit den Annahmen und Grundlagen von Advaita und Satsang kritisch auseinanderzusetzen. Dann kann die Vorstellung, nicht der Handelnde zu sein, zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden, zu einem nicht mehr überprüfbaren Zirkelschluss: Da es nur das Handeln des Urgrunds geben soll, wird jede individuell motivierte Handlung von vornherein als Wirken des Urgrunds aufgefasst. Es gibt scheinbar keine Unterscheidungskraft mehr, die sich kritisch mit den Annahmen des eigenen Verhaltens auseinandersetzen kann. Dann wird dieses Paradigma zu einem Glaubenssystem, das sich immer wieder selbst bestätigt. Um Advaita kritisch diskutieren zu können, ist also die Annahme zwingend notwendig, dass es ein individuelles Selbst mit einem freien Willen gibt und dass der Verstand nicht die zentrale Ursache für Täuschung und Leiden ist. Dass diese Annahme nicht nur mentaler Natur ist, sondern sich auch bestätigen lässt – nämlich jenseits des Verstandes im Emotionalkörper –, wird noch zu zeigen sein.
Lässt man sich also auf diese Untersuchungsweise ein, dann zeigen sich in Bezug auf Advaita durchaus die Elemente eines Paradigmas, die Thomas Kuhn definiert hat. Als symbolische Verallgemeinerungen findet man bei vielen Lehrern ein Bild von Ramana Maharshi auf der Bühne. Die gemeinsamen Werte zeigen sich unter anderem darin, dass man nur wenige Fragen stellt und eher in der Stille verweilt, um zu erkennen, dass man selbst die Stille ist. Im Hinblick auf Musterbeispiele und Methoden lässt sich anführen, dass in den Zusammenkünften weder Vorbereitungen noch Meditationstechniken als notwendig angesehen werden. In dem Buch „Die Erleuchteten kommen“ erläutern Bittrich und Salvesen (2002) typische Grundelemente eines Satsang-Treffens.9 Und als viertes Element existieren im Advaita-Paradigma auch metaphysische Annahmen und grundlegende Prämissen.
Die zentralen Prämissen des Advaita-Paradigmas
In der Struktur des Advaita-Paradigmas zeigen sich also grundlegende Prämissen, die die spezifischen Ziele, Methoden, Erklärungen und Werte begründen und somit das gesamte Paradigma zusammenhalten. Es handelt sich um folgende Prämissen:
- Da das Ego vom Verstand geschaffen wird, gibt es kein individuelles Selbst und auch keinen freien Willen.
- Die grundlegende Wirklichkeit ist der Urgrund des Seins, Brahman oder das Nonduale.
- Emotionen sind wie Gedanken eine Untereinheit des Verstandes und daher ohne Bedeutung.
Die zentrale Prämisse lautet, dass es kein individuelles Selbst oder Ego gibt. Wenn man dies akzeptiert, ist es logisch, dass das Ego nur ein Konzept des Verstandes darstellt. Dann kommt dem denkenden Verstand die zentrale Rolle in Bezug auf Täuschung und Leiden zu (s. Satz 3). Und wenn es kein Selbst als Handelnden gibt, dann ergeben sich die meisten anderen Ziele, Methoden, Erklärungen und Werte als logische Schlussfolgerungen aus dieser Prämisse. Ohne ein Selbst gibt es nämlich keine Möglichkeit, aktiv etwas zu verbessern; dann scheint es so, dass alles schon immer vollkommen ist und sich schon immer in seinem natürlichen Zustand befunden hat (s. Satz 6).
Mit der Annahme, dass das Selbst nicht existiert, steht die zweite Prämisse des Advaita-Paradigmas in enger Verbindung – dass die grundlegende Wirklichkeit der Urgrund des Seins, Brahman oder das Nonduale ist. Falls es nämlich kein Selbst gibt, dann muss die scheinbar individuelle Handlung aus einer externen Quelle kommen. Daraus folgt, dass das Nonduale alle Dinge und Wesen gleichermaßen bewegt und belebt und dass es kein höchstes Wesen (Gott) und auch keine Schöpfung gibt (s. Satz 2). Die Existenz eines höchsten Wesens macht nur Sinn, wenn es eine Schöpfung gibt, die sich entwickelt und entfaltet.
Die dritte Prämisse wirkt auf den ersten Blick unscheinbar: Da Emotionen wie Gedanken kommen und gehen, gelten sie als Untereinheit des Verstandes. Deswegen wird die Heilung verletzter Emotionen für die Bewusstseinsentwicklung als nebensächlich und nicht notwendig angesehen (Satz 8). Aus dieser Prämisse leiten sich zwar keine expliziten Schlussfolgerungen ab. Allerdings führt sie dazu, dass die Motive der eigenen Handlungen ausgeblendet werden und emotionale Heilung als unbedeutend gilt.
Auf diesen drei Prämissen des Advaita-Paradigmas bauen alle weiteren Ziele, Methoden, Erklärungen und Werte auf. Damit erschaffen sie ein bestimmtes Weltbild, prägen die entsprechenden Verhaltensweisen und bestimmen das Leben jedes Anhängers auf eine meist unbewusste Weise. Es ist somit eine wichtige Frage, wie jemand überhaupt in die Lage versetzt werden kann, die Annahmen seines Paradigmas zu erkennen und vielleicht auch in Frage zu stellen.
Untersuchung der Prämissen des Advaita-Paradigmas
In „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ entwickelt Thomas Kuhn ein Drei-Phasen-Modell der Wissenschaftsentwicklung, das einen Paradigmenwechsel beschreibt. Die zumeist vorherrschende Phase ist die der „normalen Wissenschaft“, während derer die Forscher die bestehenden Theorien ausdifferenzieren, jedoch nicht zu verändern trachten (Phase 1). Treten verstärkt Unstimmigkeiten zwischen den theoretischen Aussagen und den experimentellen Daten auf, die nicht zu beheben sind, entsteht eine Krise (Phase 2). Diese wird erst dann gelöst, wenn neue Theorien erfolgreiche Antworten geben und von der wissenschaftlichen Gemeinschaft akzeptiert werden. Ein neues disziplinäres System entsteht, welches das alte System bzw. Paradigma ablöst (Phase 3). Der fortlaufende Übergang von einem Paradigma zu einem anderen auf dem Wege der Revolution ist das Entwicklungsschema einer reifen Wissenschaft.10
In vergleichbarer Weise ist es möglich, dass ein Advaita-Anhänger eine Erfahrung macht, die im Widerspruch zu seinen bisherigen Annahmen steht. Wiederholt sich diese Erfahrung, weiß der Betreffende, dass die bisherigen Annahmen so nicht zutreffen. Falls jemandem bewusst wird, dass er selbständig handeln und entscheiden kann, wird er die Ansicht von der Nichtexistenz des Egos nicht mehr vertreten. Diese Erkenntnis kann er aber nicht begründen, wenn noch kein neues, umfassenderes Paradigma bekannt ist. Dies gelingt erst dann, wenn jemand auf der Grundlage seiner Daten und Theorien ein alternatives Paradigma entwickelt, das die Ziele, Methoden, Erklärungen und Werte des ersten Paradigmas aus einer übergeordneten Perspektive betrachtet und auf neue Weise verarbeitet. Dann kann der Betreffende seine bisher widersprüchlichen Erfahrungen in dem neuen Kontext einordnen und verstehen.
Worin könnten also Wiedersprüche innerhalb der Prämissen des Advaita-Paradigmas bestehen? Meiner Meinung nach ist die Aussage der Nichtexistenz des Selbst bereits in sich zutiefst widersprüchlich. Denn wie sollte jemand, der als Individuum nicht existiert, in der Lage sein, überhaupt eine wahre Aussage zu treffen? Er oder sie könnte lediglich feststellen, nicht zu wissen, ob er oder sie als Individuum existiert. Dann wäre alles relativ und unbestimmt. Die Fähigkeit, unterschiedliche Positionen über die eigene Existenz zu vergleichen und zu dem Ergebnis zu kommen, als Individuum nicht zu existieren, setzt gerade eine dauerhafte, sich selbst bestätigende Individualität voraus!
Mir sind natürlich auch viele Lehrer bekannt, die darin keinen Widerspruch sehen: Sie leben in der Vorstellung, dass nach dem Erlöschen der Vorstellung eines individuellen Selbst unmittelbar und unverfälscht das Nonduale durch sie wirken würde und dass daher ihre Aussagen und Handlungen ohne Bedeutung wären. Auf diese Weise ist es natürlich subjektiv immer möglich, alle Handlungen zu rechtfertigen und ihre Schattenaspekte auszublenden. Dann werden – im Extremfall – wechselnde sexuelle Beziehungen mit Anhängern als unpersönlicher Ausdruck körperlichen Verlangens gewertet und nicht hinterfragt.
Wenn jedoch ein Anhänger diese Verhaltensweise als widersprüchlich und als persönlich ansieht, dann taucht für ihn ein Widerspruch auf. Er wird möglicherweise den Lehrer in Frage stellen und nach neuen Wegen suchen. Im Rahmen seiner kritischen Auseinandersetzung wird es ihm zwar nicht möglich sein, die Prämisse von der Nichtexistenz des Ego mit den Mitteln des Verstandes zu widerlegen. Aber es könnte ihm auffallen, dass es auch keine Möglichkeit gibt, diese Prämisse zu beweisen! Sie ist nämlich nur eine Annahme, die geglaubt werden kann oder eben auch nicht. In der Regel wird sie jedoch von Satsang-Lehrern nicht als Prämisse angeboten, sondern als absolute Wahrheit verkündet. Wenn von den Lehrern klar angegeben würde, dass es sich um eine Annahme handelt, die dem eigenen Paradigma und der eigenen Methode zugrunde liegt, dann könnte sich jeder kritisch damit auseinandersetzen. Dies unterbleibt aber.
Theohumanity als Meta-Paradigma
Wie oben dargestellt, kann ein Anhänger einer Lehre seine bisherigen Annahmen überprüfen und verändern, wenn ein neues Paradigma angeboten wird, das übergeordnete Blickwinkel enthält und somit bisher widersprüchliche Erfahrungen einordnen und erklären kann. In Bezug auf das Advaita-Paradigma bin ich der Ansicht, dass mittlerweile tatsächlich ein neues spirituelles Paradigma vorhanden ist, das diesem Anspruch gerecht wird. Dieses Paradigma heißt Theohumanity und wurde vom Amerikaner Daniel Barron begründet. Mitte der achtziger Jahre erwachte Daniel Barron in der Zen-Tradition und wirkte einige Jahre als buddhistischer Lehrer. Als ihm Unstimmigkeiten an der östlichen Lehre auffielen, beendete er seine Lehrtätigkeit. Im Verlauf einer intensiven Auseinandersetzung mit östlichen und westlichen Systemen entwickelte er schließlich eine tiefgreifende Methode der emotionalen Heilung sowie das übergeordnete spirituelle Paradigma.11
Theohumanity basiert auf neun Prämissen, die explizit angegeben werden:
- Höchstmögliche spirituelle Reife lässt sich mit den Mitteln spiritueller Paradigmen oder Pfaden aus Vergangenheit oder Gegenwart allein nicht erlangen. Sie lässt sich nur durch die Heilung von Angst auf der Herzensebene herbeiführen und nicht durch Glauben, Transzendenz oder innere Arbeit. Sie erfordert als Grundlage eine authentische Verkörperung emotionaler Reife.
- Emotionale Reife kann mit den Mitteln traditioneller oder moderner psychotherapeutischer Richtungen und Methoden allein nicht erreicht werden. Sie setzt die Rekonstruktion der strategischen Version unseres Selbst voraus, mit der wir uns identifizieren und die wir als unser jetziges Selbst erfahren.
- Moral und Ethik des Menschen lassen sich nur auf der Ebene unbewusster Motivation messen und nicht auf der Ebene von Absicht, Handlung oder Ergebnissen.
- Was wir bisher als Gott bezeichneten, besteht aus Allsein, Nondualität und Schöpferaspekten des Seins.
- Die Ursache für alles menschliche Leiden ist das unschuldige Ergebnis unserer Seelengeburt und kommt aus drei grundsätzlichen, unbewussten Quellen: dem Horror des Seins, dem Horror des Nicht-Seins und dem Horror des Non-Seins.
- Erherzung, der reifste Bewusstseinszustand des Menschen, wird nur durch die dreifache Verkörperung von Personhood, Sagehood und Sainthood in einem einzigen Leben erlangt.
- Das Herz des Personhoodbewusstseins wird durch die Heilung unseres existenziellen Horrors des Seins erreicht. Dies geschieht durch Somati-Erfahrungen in der Praxis der Erleuchtung des Emotionalkörpers (EBE).
- Das Herz des Sagehoodbewusstseins wird durch die Heilung unseres existenziellen Horrors des Nicht-Seins erreicht. Dies geschieht im Satori der Erleuchtung des Mentalkörpers durch die Praxis der radikalen Selbsterforschung sowie Avrassana- und Vipassana-Meditation.
- Das Herz des Sainthoodbewusstseins wird durch die Heilung unseres existenziellen Horrors des Non-Seins erlangt. Dies geschieht durch die Erleuchtung unserer ätherischen oder chakralen Körper in Samadhi-Erfahrungen durch die Praxis der Kontemplation der Stille, Beten in Resonanz und die herzensgefühlte Hingabe der persönlichen Kraft und allem im Leben Erreichte an den Willen des Göttlichen Seins.12
Im Sinne von Thomas Kuhn handelt es sich dabei um metaphysische Teile und Werte, also um die zentralen Prämissen eines Paradigmas. Die Besonderheit besteht darin, dass die Prämissen in Theohumanity nicht als absolute Wahrheit gehalten werden, sondern als Annahmen, die jeder mit den angebotenen Methoden selbst überprüfen kann.
Vergleicht man nun die Prämissen von Theohumanity mit denen von Advaita Vedanta, dann wird deutlich, dass sie sich fast vollkommen ausschließen. Aus der Sicht von Advaita sind alle Thesen sinnlos, die mit Emotionen im Zusammenhang stehen (These 1, 2, 3, 5, 7, 8, 9), da im Advaita-Paradigma Emotionen als Untereinheit des Verstandes keine Bedeutung zukommt. Findet Erleuchtung statt, dann wird angenommen, dass dies auch alle Emotionen und alles Leiden befreien würde. Auch die sechste These von Theohumanity, dass Erherzung den reifsten Bewusstseinszustand des Menschen darstellt, ist aus Sicht von Advaita nicht nachvollziehbar, weil in dessen Weltbild nur eine Art von Erleuchtung existiert.
Umgekehrt erweisen sich aus der Perspektive von Theohumanity alle Advaita-Prämissen als Missverständnisse bzw. historische Fehleinschätzungen. Dies wird umso deutlicher, wenn man die Theohumanity-Prämissen zusammenfasst: 13
- Unser Selbst ist real und heilig.
- Wir sind für unser Unbewusstes verantwortlich.
- Der primäre Ausdruck unseres Wesens sind unsere Emotionen.
Stellt man die Prämissen der beiden Paradigmen gegenüber, ergibt sich folgende Tabelle:
| Prämissen von Theohumanity | Prämissen von Advaita Vedanta |
| Unser Selbst ist real und heilig (Nr. I). | Es gibt kein individuelles Selbst und auch keinen freien Willen (Nr. I). |
| Wir sind für unser Unbewusstes verantwortlich (Nr. II). | Da kein individuelles Selbst existiert, gibt es auch keine Verantwortung. Die Befreiung des Unbewussten geschieht von selbst. |
| Der primäre Ausdruck unseres Wesens sind unsere Emotionen (Nr. III). | Emotionen sind wie Gedanken eine Untereinheit des Verstandes und daher ohne Bedeutung (Nr. III). |
| Was wir bisher als Gott bezeichneten, besteht aus Allsein, Nondualität und Schöpferaspekten des Seins (Satz 4). | Die grundlegende Wirklichkeit ist der Urgrund des Seins, Brahman oder das Nonduale (Nr. III). |
Aus diesem Vergleich von Theohumanity und Advaita Vedanta wird ersichtlich, dass sich fast alle Prämissen gegensätzlich zueinander verhalten. Der einzige gemeinsame Anknüpfungspunkt stellt das Nonduale dar, der Urgrund des Seins. Während allerdings in Advaita der Zugang zum Nondualen als höchster Erkenntniszustand gilt, wird dies in Theohumanity als Erleuchtung des Mentalkörpers (Sagehood) und damit als ein Drittel der höchsten spirituellen Reife angesehen. Denn in Theohumanity ist das Nonduale nicht die letzte und einzige Wirklichkeit, sondern der Urgrund-Aspekt des göttlichen Seins. Gleichberechtigt hierzu sind der Schöpfer-Aspekt sowie die Vielfalt der dualen Welt (Nr. 4). Hier zeigt sich, dass Theohumanity gegenüber Advaita als Meta-Paradigma bezeichnet werden kann.
Die zentrale Prämisse, die die beiden Paradigmen unterscheidet, ist die Annahme eines Selbst oder Nicht-Selbst. Deswegen ist es so interessant, wenn man vor dem Hintergrund von Theohumanity untersucht, welche Argumente von Satsang-Lehrern für die Nichtexistenz des Selbst angeführt werden. In diesem Zusammenhang habe ich folgende Aussagen gesammelt:
- Handlungen können bezüglich ihrer Ergebnisse nicht kontrolliert werden.
- Das Selbst kann weder erfahren noch beschrieben werden.
- Im Moment der Erleuchtung fällt die Vorstellung eines Ego ab.
Keine dieser Thesen schließt meiner Ansicht nach die Existenz eines Selbst aus. Ramesh Balsekar führt als Beweis für die Nichtexistenz des Selbst häufig an, dass man die Ergebnisse seiner Handlungen nicht kontrollieren kann. Dies ist in vielen Fällen durchaus korrekt, da das Zustandekommen des gewünschten Ergebnisses von einer Vielzahl äußerer Umstände abhängt, auf die man keinen Einfluss hat. Aber das heißt nicht, dass man nicht entscheiden kann, eine Handlung mit einem bestimmten Ziel auszuführen. In vielen Fällen tritt das angestrebte Ergebnis tatsächlich ein! Ebenso wenig belegt die Tatsache, dass man sich als Individuum im Bewusstsein nicht erfahren, abgrenzen oder beschreiben kann, dass es kein Selbst geben würde. Daniel Barron formuliert es so, dass der Ursprung des Selbst eben ein Mysterium ist, aber keine Illusion.14 Ein weiteres Argument für die Nichtexistenz des Selbst lautet, dass sich das Ego in der Erleuchtung auflösen würde. Auch hier bietet Theohumanity eine andere Erklärung: In der Erleuchtung löst sich zwar das Selbstkonzept auf, das Ego, mit dem sich die Person bisher identifiziert hat. Das individuelle Seelenbewusstsein bleibt jedoch erhalten und erfährt anschließend eine von starren Konzepten befreite Identität! Die Vorstellung, nicht zu existieren, ist somit auf eine bestimmte Dimension von Erleuchtung beschränkt. Unterzieht sich jemand der tiefgreifenden Heilungsarbeit, die in Theohumanity als Erleuchtung des Emotionalkörpers (EBE) bezeichnet wird, dann wird der Emotionalkörper als Sitz des authentischen Wesens präsent und jederzeit fühlbar. Geschieht später die traditionelle Erleuchtung des Mentalkörpers, kann die Vorstellung, nicht zu existieren und keinen freien Willen zu besitzen, nur noch vorübergehend auftreten, nicht mehr dauerhaft. Mystische Erfahrung und Erleuchtung sind somit mit der Existenz eines individuellen Selbst vereinbar.
Ausblick
Im Verlauf dieser Betrachtung habe ich aufgezeigt, dass Advaita Vedanta nicht beanspruchen kann, die absolute Wahrheit darzustellen und mit Satsang den einzigen Weg zur Erleuchtung zu weisen. Vielmehr stellt es ein Paradigma dar, das auf bestimmten Annahmen aufbaut und deswegen diskutiert werden kann. Nachdem ich selbst viele Jahre lang Advaita und Satsang als Vorreiter der spirituellen Evolution angesehen habe, bin ich davon heute jedoch sehr ernüchtert15. Denn wird das Nonduale als grundlegende Wirklichkeit definiert und daraus die Nicht-Existenz des Selbst abgeleitet, bedeutet dies auch, alle weltlichen Phänomene und persönlichen Aspekte als leere Ausdrucksformen anzusehen. Es findet eine schleichende und folgenschwere Reduktion unserer Lebenswelt statt, die ihre Bedeutung und Lebendigkeit verliert. Dies gilt insbesondere für persönliche Wünsche, romantische Beziehungen und die Verbindung zum Schöpfer. Aus diesem Grunde betrachte ich Theohumanity als hoffnungsvolles Paradigma und moderne Landkarte für unsere spirituelle Reise.
- Salvesen, Christian (2003): Advaita. Vom Glück, mit sich und der Welt eins zu sein. O.W. Barth.
- Maharshi, Ramana (2000): Gespräche mit dem Weisen vom Berge Arunachala. 4. Auflage, Ansata Verlag
- Kuhn, Thomas (1997): Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen.(Hrsg.), (2. revidierte und um das Postskriptum von 1969 ergänzte Auflage; 1. Aufl. 1962), Suhrkamp Verlag
- Wilber, Ken (1998): Naturwissenschaft und Religion, Krüger Verlag, S. 46
- z.B. Barron, Daniel Stacy (2011): the Soil and the Seed. Outskirts Press
- Adams, Robert (2000): Stille des Herzens. Dialoge mit Robert Adams. Kamphausen Verlag. – Balsekar, Ramesh S. (2002): Wen kümmert’s. Kamphausen Verlag; (2002): Pointers - Wegweisende Gespräche mit Sri Nisargadatta Maharaj. Kamphausen Verlag. – Gangaji (1998): Du bist das. Satsang mit Gangaji. Lüchow Verlag. – Parkin, Om C.: (1998): Die Geburt des Löwen: Dialoge zur Selbsterforschung. Lüchow Verlag; (2003): Auge in Auge mit dir Selbst. Gespräche im Sein. Kamphausen Verlag. – Maharshi, Ramana (2000): Gespräche mit dem Weisen vom Berge Arunachala. 4. Auflage, Ansata Verlag. – Poonja, H.W.L. (1997): Der Gesang des Seins. Hugendubel Verlag; Parkin, (2002): Sei still! Satsang mit H.W.L. Poonja. Kamphausen Verlag. – Samarpan (2003): Glücklich sein in jedem Moment. Kamphausen Verlag. – Shapiro, Isaac (2006): It happens by Itself. Arunachala Press. – Tolle, Eckhart (1997): The Power of Now. Namaste Publishing Inc.
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- Poonja, H.W.L. (1999): Wach auf. Du bist frei. J. Kamphausen Verlag
- Bittrich, Dietmar; Salvesen, Christian (2002): Die Erleuchteten kommen. Satsang: Antworten auf die wichtigsten Fragen des Lebens. Arkana Verlag
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- Barron, Daniel Stacy (2010): erherzung. die verkörperung des göttlich menschlichen. Wells of Wisdom Verlag
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- s. Fußnote 3
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- Wachter, Thomas (2010): Jenseits von Satsang – ein Erfahrungsbericht. In: Tattva Viveka 44, August 2010
